








Joss Stone beim Poolbar Festival in Feldkirch – eine Konzert-Analyse aus dem Präsenz-Blickwinkel
Poolbar Festival Feldkirch, 25. Juli 2026, ein Sommerabend unter freiem Himmel. Kurzer Vorspann, Rauch, Licht – dann kommt die Band auf die Bühne, alle in Weiß: Bläser, dreistimmiger Chor, Bass, Gitarre, Keys, Schlagzeug, neun Menschen. Sie eröffnen mit einem „20 Years of Soul“-Intro, ehe Joss Stone dazutritt – barfuß, den Schal um den Mikrofonständer geschlungen, und einfach zu singen beginnt. Keine Ansage, kein Aufwärmen. Und doch steht binnen Sekunden eine Verbindung – zum Publikum und zur Band. Die Frage des Abends: Wie entsteht so viel Nähe auf einer Festivalbühne?
Ein Wort zur Vorband
Eigentlich analysieren wir keine „Local Heroes“ – schon gar nicht, wenn wir sie kennen. Für Lari + the Wolves machen wir eine Ausnahme: Ihr Auftritt war schlicht großartig. Wer in der Region die Gelegenheit hat, sie live zu erleben, sollte hingehen – hier lässt sich Bühnenpräsenz lernen.
Präsenz, bevor das erste Wort fällt
Die ersten Songs – „Super Duper Love“, „Fell in Love“, „Jet Lag“ – laufen ineinander über, ohne ein einziges Wort ans Publikum. Was trägt, ist nicht die Moderation, sondern die Musik – und ihr Körper: allen voran die Hände, mit denen sie unentwegt arbeitet – formend, einladend, unterstreichend –, dazu lockeres Mitgehen im Beat und ein Gesicht, das jede Zeile mitträgt. Genau das meinen wir in unserem Buch, wenn wir sagen: Präsenz ist zuerst eine Haltung, kein Apparat. Joss Stone braucht mehrere Minuten kein Wort, um das Publikum zu haben.
Sie kommt von der Bühne herunter
Nähe stellt sie nicht durch Ansagen her, sondern durch Raum – und durch die Art, wie sie sich bewegt: Sie gleitet, fast schwebend, über die Bühne, mühelos von einer Seite zur anderen. Sie geht die Bühnenkante links und rechts ab, spricht beide Seiten an, dreht sich auf einem langen Ton einmal ganz weg und wieder zurück ins Publikum. Und dann verlässt sie die Bühne, geht mitten durch die Menge und spielt mit den Menschen. In der Sprache unseres Buches nutzt sie die Positionszonen bis zur äußersten: Der Weg an den Bühnenrand und in den Raum hinein intensiviert die Präsenz, bis aus einem Festivalgelände fast ein Wohnzimmer wird.
Interaktion, die keine Moderation ist
Wenn sie spricht, ist es echt. „Thank you for hanging out with us“, das Mikrofon immer wieder ins Publikum gehalten, Call-and-Response, unmittelbare Reaktion auf das, was zurückkommt. Sie erzählt die Geschichte zu einem sehr persönlichen Song und leitet ihn ein mit „now it’s time to fall in love with each other“. Und bei „Wankerman“, einem augenzwinkernden Song über lügende Männer, bringt sie das ganze Publikum dazu, ein deftiges Schimpfwort mitzurufen – erst auf Englisch, dann auf Deutsch. Das ist Interaktion im Sinn von Kapitel 9 in unserem Buch: nicht angesagt, sondern hergestellt.
So tief im Song, dass sie sich wieder landen muss
Waltrauds fachlicher Blick hält einen Moment fest, der viel über Authentizität sagt: Nach einem Lovesong ist Joss Stone so tief im Song, dass sie sich erst wieder fangen, wieder landen muss, ehe es weitergeht. Das ist keine Pose, sondern echte Ergriffenheit, aus der heraus sie in den Neutralzustand zurückfindet. Nicht umsonst spielt sie barfuß: Die Erdung über die nackten Füße ist die körperliche Basis, aus der sie sich wieder fängt (Kapitel 2). „Leichtfüßige Stimmgewalt und authentischer Ausdruck“, notiert Waltraud. Genau das meinen wir in unserem Buch mit Authentizität: persönliche Wahrheit, die zugelassen und nicht gespielt wird – und die gerade deshalb trägt.
Nicht einmal die Wespe
Ein Detail, das nur die ersten Reihen mitbekamen: Eine Zeit lang flog eine Wespe direkt um sie herum. Joss Stone performte einfach weiter – kein Wedeln, kein Stocken, keine Irritation. Von weiter hinten war nichts davon zu merken. Genau das meinen wir in unserem Buch mit Störfall-Souveränität (Kapitel 10): Die Präsenz bleibt, egal was dazwischenkommt.
Die Solistin, die ihre Band zur Familie macht
Joss Stone ist unbestritten der Star – und tut alles, damit es nicht so aussieht. Bass, Gitarre, Bläser, der dreistimmige Chor, am Ende Keys und Schlagzeug: Jede und jeder bekommt ein Solo, oft direkt an der Bühnenkante. Sie dreht sich immer wieder zur Band, feiert sie, wird Teil des Ensembles. „We Are Family“ ist an diesem Abend nicht nur ein Zitat aus dem Disco-Medley, sondern das Prinzip. Präsenz ganz ohne Starallüren – und doch ist jederzeit klar, wer hier strahlt. Für Ensembles ist das ein Lehrstück: Großzügigkeit auf der Bühne verkleinert die eigene Wirkung nicht, sie vergrößert sie.
Der Bogen des Abends
Der Abend ist ein klar gebauter Anstieg. Aus der wortlosen Präsenz des Beginns wird Interaktion, aus der Interaktion eine Party: rotes Licht, ein Disco-Medley, alle tanzen, das Publikum längst mittendrin. Dazwischen ein Cover-Medley mit „Son of a Preacher Man“ und Janis Joplins „Piece of My Heart“, zum Abschied „Some Kind of Wonderful“ und Sonnenblumen, die sie ins Publikum wirft. In der Sprache unserer Energie-Cluster: viel expansive Energie nach außen, dosiert unterbrochen von leisen, ganz nach innen gerichteten Momenten. Und über allem der Eindruck, den Bernd am Ende notiert – dass sie im Lauf des Abends jeden einmal angesehen hat. Man glaubt, sie schaue genau einen selbst an.
Was Musikerinnen und Musiker daraus mitnehmen
Nähe ist keine Frage der Größe des Ortes, sondern der Zuwendung. Ein Festivalpublikum lässt sich genauso persönlich erreichen wie zwanzig Leute im Wohnzimmer – wenn man bereit ist, die Distanz aktiv zu überbrücken: an die Bühnenkante zu gehen, das Mikrofon herzugeben, die Band zu feiern, sich von einem Song wirklich ergreifen zu lassen und danach sauber in den Neutralzustand zurückzukehren. Und: Wer großzügig teilt, verliert nichts an Präsenz. Übertragbar auf jede Bühnengröße – bis ins kleinste Wohnzimmerkonzert.
Am Ende bleibt nicht die Lautstärke, sondern das Gefühl, gemeint gewesen zu sein.
