The Cure in der Olympiahalle München (2022) – eine Konzert-Analyse aus dem Präsenz-Blickwinkel

Olympiahalle München, 29. Oktober 2022. The Cure waren auf ihrer „Shows of a Lost World“-Tour, Vorband The Twilight Sad, danach zweieinhalb Stunden und achtundzwanzig Songs – von „Alone“ bis „Boys Don’t Cry“. Wir waren dabei. Und das Erste, woran wir uns erinnern, ist nicht ein Lied, sondern eine Geste: Zum Auftakt ging Robert Smith minutenlang die ganze Bühne von links nach rechts ab und begrüßte die Konzertbesucher – gewohnt bescheiden. Die Frage des Abends: Wie viel Wirkung hat die Haltung eines einzigen Menschen auf einen ganzen Saal?

Der Gruß, der den Ton setzt

Bevor der erste Ton fiel, ging Robert Smith mehrere Minuten lang die ganze Bühne von links nach rechts ab und begrüßte die Konzertbesucher – ohne Aufhebens, fast schüchtern. Das ist Präsenz auf ihrer leisesten Stufe: nicht das Publikum bespielen, sondern es wahrnehmen. In unserem Buch nennen wir es das vierte Merkmal – die Rahmenbedingungen und die Menschen im Blick haben. Ein bescheidener Gruß ist kein Warm-up, sondern eine Ansage: Ich sehe euch. Was danach geschah, war die Antwort darauf.

Der Kreislauf, in Reinform

Nach dem Gruß begann ein Fest. Überall auf den Rängen und bei den Food-Ständen wurde getanzt; die Stimmung war ein einziges, freundliches Miteinander. Die Securitys hatten sichtlich Mühe, blieben aber zuvorkommend – sie spürten die familiäre Atmosphäre und trugen sie mit. Kein Moment von Aggression, keine Gewalt, nur wohlwollende Vibes. Genau das meinen wir in unserem Buch, wenn wir von Präsenz als Kreislauf sprechen: Ein Mensch zeigt eine Haltung, das Publikum antwortet, und die Antwort fließt zurück. An diesem Abend war der Beweis bis in die letzte Konsequenz zu sehen – die Bescheidenheit eines Einzelnen auf der Bühne hat das Verhalten von zwölftausend Menschen geprägt, und sogar das der Ordner. Das ist kein Nebeneffekt. Das ist der Kern.

Ein Vampir, der niemanden beißt

Robert Smith trägt seit vierzig Jahren dieselbe Erscheinung: verschmierter roter Lippenstift, wirres Haar, weiß gepudertes Gesicht, dunkel umrandete Augen. Ein Teil des Publikums kam im selben Look – die Figur wandert ins Publikum. Und doch ist da keine Spur von Düsternis in der Wirkung. Die Abendzeitung München titelte über diesen Abend „Ein Vampir, der niemanden beißt“ – und traf damit genau, was wir empfunden haben: die dunkle Gestalt, und darunter eine Freundlichkeit, die den ganzen Saal einfärbt. Für unser Kapitel über Authentizität ist das der Lehrsatz des Abends: Maske und Mensch widersprechen sich nicht. Bei manchen Künstlern spielt jemand bewusst eine Figur; bei Smith ist die Figur mit der Person verschmolzen. Authentisch heißt eben nicht privat, sondern stimmig.

Die Hits ganz zum Schluss

Und dann die Dramaturgie, die uns als Analytiker am meisten reizt. Zweieinhalb Stunden, und die großen Radio-Hymnen kommen fast alle erst am Ende: Das lange Hauptset lebt von tiefen, sperrigen Stücken – „Pictures of You“, „Disintegration“, „A Forest“ –, ehe im letzten Zugabenblock ein regelrechtes Feuerwerk zündet: „Friday I’m in Love“, „Close to Me“, „Inbetween Days“, „Just Like Heaven“ und zum Abschied „Boys Don’t Cry“. Wer traut sich das? Nur, wer seinem Material und seinem Publikum vertraut. Es funktioniert, weil die Präsenz die Spannung hält, wo die Setlist sie bewusst hinauszögert – ein Lehrstück für die Konzertdramaturgie: Man muss die stärksten Karten nicht zuerst spielen.

Was Musikerinnen und Musiker daraus mitnehmen

Präsenz ist kein Kraftakt. Robert Smith tut wenig, sieht seit Jahrzehnten gleich aus – und hält eine Halle, weil er unbeirrt er selbst ist und das Publikum zuerst wahrnimmt, bevor er es bespielt. Zwei Lehren bleiben: Wer bescheiden grüßt, statt zu dominieren, prägt den Ton eines ganzen Abends – Haltung überträgt sich. Und: Man darf seinem Publikum etwas zumuten und die Höhepunkte hinauszögern, wenn man ihm zugleich das Gefühl gibt, gesehen zu werden.

Manchmal reicht ein bescheidener Gruß, um aus zwölftausend Fremden für einen Abend eine Familie zu machen.