Xavier Rudd beim Poolbar Festival in Feldkirch – eine Konzert-Analyse aus dem Präsenz-Blickwinkel

Ein Blick, und alle sind drin

Poolbar Festival Feldkirch, 1. August 2026, Regen über dem Reichenfeldpark. Das Publikum steht und harrt aus, während vom Band eine fast hymnenhafte Einleitung läuft. Dann kommt Xavier Rudd heraus, schlägt seinem Tontechniker mit der Faust ab, grüßt mit Daumen und kleinem Finger ins Publikum – und schnallt sich als Erstes einen E-Bass um, mit dem er eine Basslinie in den Looper spielt. Er setzt sich auf seinen Hocker, wechselt zur Gitarre, das Didgeridoo vor sich, der Rhythmus läuft weiter.

Und dann passiert das, weswegen wir über diesen Abend schreiben. Er schaut ein einziges Mal ins Publikum, und alle sind drin. Kein Wort, keine Ansage, keine Aufforderung. Was danach kommt, ist nicht mehr Aufbau, sondern nur noch Ausbau. Zwei Songs lang und bis weit in den dritten hinein sagt er überhaupt nichts – und irgendwann in dieser dritten Nummer übernimmt das Publikum den Refrain ganz von selbst, ohne dass jemand darum gebeten hätte.

Ein Wort zur Vorband

Vor ihm spielte das Grazer Indiefolk-Duo Honahlei – Michelle Gonzalez aus Costa Rica am Gesang, Kevin Etheridge an Gitarre und Bassdrum, ein Set aus dem Album „Expedition Xarifa“. Zwei Dinge sind uns geblieben. Sie verkabelten sich vor dem schon wartenden Publikum noch selbst, ganz ohne Hektik – Souveränität fängt vor dem ersten Ton an. Und die Sängerin sang mit geschlossenen Augen, wiegte sich, ging in die Knie, zeichnete mit der rechten Hand ihre Töne mit – und brachte demselben Publikum im selben Set zweimal einen Refrain bei. Genau die Verbindung also, um die es in diesem Beitrag geht, eine Stunde vor dem Hauptact und auf einer ganz anderen Erfahrungsstufe. Ein Detail für alle, die glauben, Präsenz brauche Platz: Sie bewegte sich dabei kaum einen halben Meter.

Der Wechsel mitten im Song

Xavier Rudd spielt allein und bedient dabei Gitarre, eine Slide-Gitarre, die quer auf seinem Schoß liegt, ein bis zwei Didgeridoos, ein komplettes Schlagzeug, Bass, Keyboard, Mundharmonika, eine Stompbox unter dem Fuß und einen Looper. Das ist beeindruckend, aber nicht das Interessante daran. Interessant ist, wann er wechselt.

Schon im zweiten Song gibt er mitten im Stück die Gitarre ab und setzt sich ans Schlagzeug. Waltraud hält an diesem Abend einen Satz fest, der für uns zum Schlüssel wurde: „Dieser Wechsel hat innerhalb eines Songs stattgefunden. Innerhalb dieses Songs sind es zwei Songs.“ Der Instrumentenwechsel ist hier kein organisatorischer Vorgang zwischen zwei Nummern, sondern der Moment, in dem ein Stück kippt – aus der leisen Erzählung in den Rhythmus, aus der Erdung in den Rausch.

In unserem Buch nennen wir das einen gesetzten Moment. Man kann einen Wechsel beiläufig vollziehen und dabei gewinnen, dass alles selbstverständlich aussieht. Oder man setzt ihn – und gewinnt einen dramaturgischen Punkt. Rudd setzt jeden einzelnen.

Er hört auf zu spielen, damit wir singen

Die Interaktion baut sich über den Abend in klaren Stufen auf, und keine einzige Stufe ist eine Moderation. Erst nur Blick und Winken. Dann, mitten im Spielen, die erste Ansprache: „Hello Austria.“ Dann die Aufforderung zum Klatschen, die er nicht ansagt, sondern in den laufenden Text hineinrappt. Dann die Einladung, die Hände in die Luft zu nehmen für jemanden, den man liebt.

Und dann die stärkste Form: Er hört einfach auf zu spielen und lässt das Publikum allein weitersingen. Er sitzt da und schaut zu. Zweimal bricht er außerdem einen Song ab, einmal wegen eines Monitorproblems, einmal einfach, um zu fragen, wie es den Leuten geht. Wer sich das erlaubt, hat keine Angst davor, den Faden zu verlieren.

Zum Schluss lässt er sich das Mikrofon an die Bühnenkante stellen, nimmt die Gitarre und geht die ganze Kante ab, direkt in die Gesichter. Und dann dreht sich die Richtung um: Nicht er singt das Publikum an – das Publikum singt ihn an. Zuletzt bleibt er dort oben stehen, schlägt eine kleine Handpercussion ans Mikrofon, macht den Beat mit den nackten Füßen auf dem Bühnenboden und singt ohne Instrument.

Der Regen gehört einfach dazu

Es regnet an diesem Abend, und es geht dreimal etwas schief. Der Monitor fällt aus; er hebt den Finger, klärt es mit dem Tontechniker, singt weiter. Der Regen wird stärker; er nimmt es beiläufig zur Kenntnis – ein bisschen Regen mache doch nichts – und spielt weiter. Später fällt Regenwasser auf ein Gerät – und diesmal ist er es selbst, der darauf aufmerksam macht, damit es jemand abwischt.

Das ist eine andere Strategie als die, die wir sonst beschreiben. Meistens ist Störfall-Souveränität die Kunst, sich nichts anmerken zu lassen. Hier wird die Störung sichtbar gemacht und verliert genau dadurch ihre Macht: Wenn der Mann auf der Bühne den Regen selbst benennt und weiterspielt, ist der Regen kein Problem mehr, sondern Teil des Abends.

Die Füße machen den Beat

Xavier Rudd spielt barfuß. Das ist bei ihm keine Marotte, sondern Arbeitsgrundlage: Die Füße bedienen die Stompbox, und in einer der letzten Nummern macht er den Rhythmus direkt mit den nackten Füßen auf dem Bühnenboden, während er a cappella singt und eine kleine Handpercussion ans Mikrofon schlägt. Dazu eine auffallend aufrechte Haltung im Sitzen – anders ginge es auch gar nicht, wenn man gleichzeitig spielt, tritt und singt.

Wir schreiben in unserem Buch viel über Erdung, und meistens ist sie eine Metapher. An diesem Abend ist sie ein Instrument. Man hört sie.

Augen zu – und trotzdem bei uns

Das eigentlich Besondere an diesem Konzert ist ein Widerspruch, der keiner ist. Über weite Strecken sucht Rudd unablässig den Blickkontakt: Er kreist mit dem Blick durchs Publikum, Mitte, links, rechts und wieder von vorn, bei einem Song hält er bei jedem einzelnen Satz Blickkontakt. Und mittendrin, im selben Stück, schließt er minutenlang die Augen und taucht so tief in die Musik, dass man meint, er sei allein: kurz gesungen, dann ein langer Instrumentalteil, Augen zu.

Normalerweise gilt das als Gegensatz. Es gibt die Acts, die ganz bei sich bleiben und das Publikum dabei aus dem Blick verlieren, und die, die das Publikum permanent adressieren und dabei selten wirklich in einem Song verschwinden. Rudd tut beides, oft im selben Stück, und der Satz, mit dem Waltraud es notiert hat, trifft es genau: Er taucht ganz tief in sich – und wir dürfen dabei sein.

Darin steckt der Unterschied. Die Versenkung findet nicht vor dem Publikum statt, sondern mit ihm. Sie ist kein Rückzug, sondern eine Einladung. Und deshalb muss sich niemand entscheiden zwischen „ganz bei mir“ und „ganz bei euch“.

Das letzte Bild ist nicht er

Nach eineinhalb Stunden und zwei Zugaben passiert etwas, das wir so noch bei keinem Konzert gesehen haben. Rudd sagt die letzte Zugabe an: Er verwende darin die letzten Worte von Jane Goodall, der Verhaltensforscherin, die im Oktober 2025 gestorben ist und deren Abschiedsbotschaft posthum veröffentlicht wurde. Er geht ein letztes Mal mit einer Flagge über die Bühne. Und dann ist das allerletzte Bild des Abends nicht er selbst, sondern eine Schwarz-Weiß-Aufnahme von Jane Goodall, die ihren Schlusssatz spricht.

Ein Musiker, der neunzig Minuten allein eine Festivalbühne getragen hat, gibt das letzte Bild ab. Über Abschluss und Zugabe haben wir in unserem Buch einiges gesammelt – das hier ist der Gegenentwurf zu allem. Und er wirkt, weil er nichts wegnimmt: Wer die Bühne so lange gehalten hat, kann sie am Ende weitergeben, ohne kleiner zu werden.

Was Musikerinnen und Musiker daraus mitnehmen

Der wichtigste Gedanke ist der einfachste: Man muss sich nicht entscheiden. Sich in einem Song zu verlieren und das Publikum im Blick zu behalten sind keine Gegensätze, wenn man das Publikum am Verlieren teilhaben lässt. Praktisch heißt das: die Augen ruhig schließen, aber danach wieder hinausschauen – und zwar in die Mitte, nach links und nach rechts, bis jeder einmal dran war.

Der zweite Gedanke betrifft das Aufhören. Die stärksten Momente dieses Abends sind die, in denen Rudd etwas unterlässt: nicht spielen, damit das Publikum singt. Den Song abbrechen, um zu fragen, wie es allen geht. Den Regen benennen, statt ihn zu ignorieren. Präsenz ist nicht nur das, was man tut.

Und der dritte: Ein Wechsel ist ein Moment. Ob man das Instrument tauscht, die Position oder nur die Lautstärke – wer den Wechsel setzt statt ihn abzuwickeln, bekommt einen dramaturgischen Punkt geschenkt, der nichts kostet.

Am Ende bleibt kein Kunststück im Kopf, obwohl es an diesem Abend genug davon gab. Es bleiben zwei Bilder: eine Sängerin, die mit geschlossenen Augen einen Refrain verteilt, und ein Mann, barfuß im Regen, der uns beim Versinken zusehen lässt.