








Selbst erlebt beim Eurovision Song Contest in Wien
In der ESC-Woche im Mai war beim ESC Village am Wiener Rathausplatz viel los. An einem der Stände gab es einen ungewöhnlichen Karaoke-Wettbewerb: Gesungen wurde nicht auf einer Bühne, sondern im Inneren eines Autos – einem „Caraoke“ (einem Jaecoo von Omoda, für die, die es interessiert). Wir drei – Waltraud, Mia und Bernd – haben mitgemacht. Und tatsächlich gewonnen: zwei ESC-Finaltickets mit besten Plätzen. Das Erstaunliche ist, womit wir gewonnen haben.
Das denkbar ungünstigste Setup
Die Rahmenbedingungen waren alles andere als ideal. Wir saßen zu dritt in einem Auto. Es gab nur zwei Mikrofone – Bernd hatte keines. In die Performance mussten wir Werbeschilder des Sponsors einbauen. Und der einzige Song, den wir alle drei gemeinsam konnten, war „The Winner Takes It All“ von ABBA – eine Ballade, die leise beginnt und sich erst allmählich steigert. Für einen kraftvollen Karaoke-Auftritt nicht die naheliegendste Wahl. Im engen, intimen Raum des Autos aber passte genau das.
Zwei Publikumsräume, ein Auto
Das Auto war keine geschlossene Box. Außen standen Bildschirme, auf denen das Publikum und die Mitarbeiterinnen – die eine Vorauswahl trafen – mitverfolgten, was drinnen geschah. Damit hatten wir mehrere Adressaten gleichzeitig. Waltraud richtete sich an die Menschen, die direkt ins Auto sehen konnten. Mia und Bernd spielten für die Kamera im Wagen, die das Bild nach außen auf die Screens trug. Und untereinander hielten wir die ganze Zeit Kontakt – über Blicke, Timing und gemeinsames Posen. Genau diese doppelte Ausrichtung – Raum und Kamera zugleich – ist die Situation, die wir auch in unserer Konzert-Analyse zum ESC beschreiben.
Präsenz schlägt Technik
Rein gesanglich konnten wir nur mit einer Stimme punkten: Bernd hatte kein Mikrofon, Mia ist keine geübte Sängerin. Fachlich trug Waltraud. Gewonnen haben wir trotzdem – und zwar über die Performance, über Bühnenpräsenz.
Bernd saß hinten, ohne eigenes Mikrofon – seine Stimme ging unter, und er musste sich obendrein ständig nach vorne beugen, um überhaupt in der Kamera sichtbar zu sein. Mia ging mit geschlossenen Augen ganz in den Song hinein, voller Hingabe. Und alle drei waren wir sichtbar miteinander verbunden – und genau das überträgt sich auf das Publikum.
Was Sie daraus mitnehmen können
Präsenz schlägt Technik. Jury und Publikum spüren Hingabe, Verbindung und Spielfreude oft stärker als perfekte Intonation.
Machen Sie aus Einschränkungen eine Rolle. Kein Mikro, der schlechteste Platz? Dann werden Sie zum sichtbaren Antrieb. Beschränkungen zwingen zu Kreativität – und Kreativität wirkt.
Wissen Sie, für wen Sie spielen. Raumpublikum, Kamera, Screens – wer das bewusst aufteilt und trotzdem als Gruppe verbunden bleibt, wirkt geschlossen und stark.
Der Song war nicht der lauteste, das Setup nicht das beste, die Technik nicht auf unserer Seite. Präsenz war es. Und genau damit haben wir im Karaoke-Auto zwei ESC-Finaltickets gewonnen.
The winner takes it all – manchmal ist es der mit der größten Präsenz, nicht der mit dem besten Mikrofon.
Weiterlesen: Konzert-Analyse zum Eurovision Song Contest – „Bühne und Bildschirm zugleich“.
