








Waltraud Köttler „Songs for real“ im Porgy & Bess Wien – eine Konzert-Analyse aus dem Präsenz-Blickwinkel.
Im Februar 2023 stand Waltraud nach sechzehn Jahren wieder auf einer Bühne, die ein Stück ihrer Geschichte ist: das Porgy & Bess in Wien. In der Anfangszeit des Clubs war sie dort regelmäßig zu Gast, als Besucherin wie als Musikerin; ihr letztes Konzert dort hatte sie 2007 gespielt. „Welcome back!“, schrieb Christoph Huber im Programmtext. Mit auf der Bühne: Lisa Ess (Gesang), Andreas Riedmann (Gitarre) und Didi Konzett (Drums), als Gast: Valérie Sajdik – das Programm „Songs for real“, dazu ein Livestream in Echtzeit. Keine LED-Wände, keine Lichtshow, keine Kostümwechsel. Vier Menschen in Schwarz, ein Flügel, tiefblaues Licht.
Zurück zum einfachen Song
Was „Songs for real“ ist, erzählt Waltraud gleich zu Beginn selbst: Nach Jahrzehnten in der Improvisation – „Improvisation ist ja das ganze Leben“ – ist sie zum einfachen Song zurückgekehrt, zur Geschichtenerzählerin. Reduktion ist hier also kein Stilmittel, sondern der Kern des Projekts: Essenz, Echtheit, Leichtigkeit.
Von innen gesehen
Bernd war an diesem Abend nah dran: beim Soundcheck am Nachmittag, wenn der Club noch leer ist und der Raum zum ersten Mal antwortet; backstage, wo sich vor dem Auftritt eine konzentrierte Ruhe einstellt; und während des Konzerts direkt vor der Bühne. Von dort unten sieht man nicht die eine große Wirkung, sondern die vielen kleinen, stimmigen Momente, aus denen sie entsteht – und ihre Dichte ist das, was man hinterher Präsenz nennt.
Zwei Rollen, zwei Ausdrucksmodi
Der Abend lebt von Wechseln. Waltraud tritt in zwei Rollen auf – als Sängerin am Mikrofon und als singende Pianistin am Flügel. Und sie arbeitet in zwei klar unterscheidbaren Ausdrucksmodi: Innenwendung – geschlossene Augen, zurückgelegter Kopf, am stärksten im deutschsprachigen „Als der Regen fiel“ – und Öffnung: direkter Blick, offene Handflächen, ein Lächeln mitten in der Phrase. In der Sprache unserer Energie-Cluster: viel leise Präsenz an den Flügel-Songs, ein tiefes Hinabsinken im intimsten Moment, expansive Energie in den Songs, die sie am Mikrofon in den Raum hinein gestaltet.
Auf Tuchfühlung: der Bühnenrand
Einige der stärksten Momente des Abends spielen sich an der vorderen Bühnenkante ab. Schon früh im ersten Set setzt sich Waltraud auf einen Barhocker unmittelbar über den ersten Tischen und singt von dort. Später geht sie noch einen Schritt weiter: Sie sitzt direkt am Boden an der Bühnenkante, die Köpfe des Publikums eine Armlänge entfernt – Augenhöhe statt Podest. In unserem Buch beschreiben wir die Positionszonen der Bühne: Der vordere Bereich schafft Nähe und Intimität, ein Schritt an den Bühnenrand intensiviert die Präsenz. Hier kommt eine Dimension dazu, die man leicht übersieht: die Höhe. Stehen, sitzen, am Boden sitzen – drei Stufen, drei Grade von Nähe. Die Hierarchie zwischen Bühne und Saal löst sich für ein paar Minuten einfach auf; wer direkt davor steht, gehört plötzlich mit dazu.
Dazu kommen Momente, die den Abend als Begegnung rahmen: der Gastauftritt von Valérie Sajdik, bei dem die beiden Sängerinnen einander zugewandt an der Bühnenkante sitzen und im Sitzen miteinander singen, als wäre der Saal ein Wohnzimmer. Später kehrt Valérie noch einmal zurück – und die Rollen tauschen sich: Der Gast moderiert die Gastgeberin an, erzählt von Waltrauds Album „Brilanza“ und singt daraus den französischen Song „Nouveau Rivage“, die neuen Ufer; dazwischen wandert augenzwinkernd die frisch erschienene CD „Songs for Real“ durchs Bild. Und ein Duo mit Andreas Riedmann, für das sich Waltraud einfach neben ihn setzt – zwei Menschen, die einander beim Musizieren sichtlich vergnügt zuhören, so nah, dass aus dem Zuhören ein gemeinsames Spiel wird.
Das Duett als Beziehungsraum
Die vielleicht schönsten Momente des Abends gehören zwei Stimmen: In „Holy Temple“ stehen sich Waltraud und Lisa Ess frontal gegenüber und singen einander buchstäblich an – Call-and-Response auf Sichtachse, die Band tritt zurück. Und „Blame it on the Rain“ beginnt gar nicht als Nummer, sondern als Zusammenrücken: Waltraud beugt sich lachend in die kleine Runde aus Lisa und Andreas, erst dann findet das Duett seine Form – und endet mit einem Blickwechsel der beiden Sängerinnen, der eher nach Freundschaft aussieht als nach Verbeugung. Das Publikum wird Zeuge eines musikalischen Gesprächs, und genau das ist der Kern von Ensemble-Präsenz: sichtbares Zuhören. Interaktion entsteht hier nicht als Show-Element, sondern weil Menschen einander auf der Bühne wirklich wahrnehmen – und der Saal nimmt diese Aufmerksamkeit mit.
Die Band: Präsenz am Instrument
Präsenz ist nicht nur Sache der Stimmen. Andreas Riedmann spielt den ganzen Abend im Sitzen – und zeigt, wie viel Wirkung aus Ruhe entsteht: kaum Bewegung im Raum, aber ständige Zuwendung. Sein Blick pendelt zwischen Instrument und Sängerinnen, und in den Duetten wird er immer wieder zum stillen Ankerpunkt, zu dem sich die Stimmen hindrehen. Didi Konzett arbeitet an einem kleinen, fein zusammengestellten Set aus Cajon, Snare, Bongos und Becken, viel mit Besen und Mallets – Perkussion als Klangfarbe, nicht als Antrieb. Er hört hörbar hin: Die Dynamik bleibt den ganzen Abend unter der Stimme, kein Fill drängt sich vor die Phrase.
Beide zeigen, was für Instrumentalistinnen und Instrumentalisten gilt: Wenn der Körper ans Instrument gebunden ist, entsteht Präsenz über Spielhaltung, Blick und die Qualität der kleinen Bewegungen – und über sichtbares Zuhören. Ein Ensemble, in dem niemand um Aufmerksamkeit spielt, lenkt sie gemeinsam.
Zwischen den Songs: Reden als Kontakt
Was diesen Abend komplett macht, passiert zwischen den Liedern. Waltrauds Ansagen sind keine Pflichtmoderation, sondern Gespräch: Sie stellt echte Fragen in den Saal („Wer von euch schreibt eigentlich Songs?“), gibt eine Empfehlung zum Mitnehmen – was einen beschäftigt, einfach singen, in welcher Sprache auch immer, „es geht einem gleich besser“ – und reagiert auf Zurufe aus dem Publikum: Aus einem einzigen Zwischenruf entsteht eine kleine Liebeserklärung an Joni Mitchell, direkt hinein in „Blame it on the Rain“. Auch die Zuschauer am Livestream sind nie Zaungäste: Sie werden begrüßt, bekommen zwischendurch ein „Prost“ nach Hause und am Ende Grüße – zwei Publikumsräume, ein Gespräch. Und die persönlichste Adressierung des Abends gilt einer einzigen Person: ein kurzes „Hi Mama!“ vor dem Lied über die Kindheit.
Dazwischen: kleine Selbstauskünfte, die den Songs den Boden bereiten – die Gedanken übers Zuhören als Geschenk, die ehrliche Ansage zum „Depressionslied“, der Wunsch, „ein bisschen Freude mit in die Welt zu schicken“. Selbst die Dramaturgie wird offengelegt: noch ein Duo, dann ein Band-Song, „und vielleicht, mit viel Euphorie und Klatschen, eine Zugabe“ – aus Respekt vor Menschen, die gern wissen, wo im Abend sie sich befinden. Und als das Mikrofon einmal zickt, wird daraus kein Störfall, sondern eine Pointe: „Ich nehme es nicht persönlich.“ Der lange Applaus vor dem Finale und die vom Publikum augenzwinkernd erzwungene Zugabe erzählen den Rest.
Was dieser Abend über Präsenz erzählt
Erstens: Reduktion trägt. Ein Club-Konzert ohne jede Produktion hält die Aufmerksamkeit über den ganzen Abend, wenn Haltung, Gestik und Blick konsequent aus dem musikalischen Zustand kommen – Ausdruck entsteht aus Zustand, nicht aus Aktion. Zweitens: Nähe ist eine Entscheidung, keine Raumgröße. Selbst im kleinsten Club lässt sich Distanz noch einmal halbieren – durch Position und Höhe. Und drittens: Präsenz ist nichts, was eine Person allein herstellt. Sie entsteht zwischen Menschen – zwischen zwei Stimmen, zwischen Sängerin und Gitarrist, zwischen Bühne und erstem Tisch, und in jedem Wort, das zwischen den Songs wirklich an jemanden gerichtet ist.
Präsenz zeigt sich nicht daran, wie groß die Bühne ist – sondern daran, ob jemand wirklich da ist.
