Kitty, Daisy & Lewis beim Poolbar Festival in Feldkirch – eine Konzert-Analyse aus dem Präsenz-Blickwinkel

Die Bühne füllt sich, während schon gespielt wird

Poolbar Festival Feldkirch, 31. Juli 2026, früher Abend, die orange leuchtenden Ovale der Festivalbühne im Dunst. Ein Mann kommt heraus, sagt nichts, setzt sich ans E-Piano und beginnt zu spielen – eine gefällige Boogie-Woogie-Melodie. Ein paar Takte später tritt Kitty dazu und steigt mit der Gitarre ein. Dann kommt ein älterer Herr mit Gitarre, dann ein junger Kontrabassist, und als letzte setzt sich Daisy ans Schlagzeug. Die Bühne füllt sich nicht durch einen Auftritt, sondern durch die Musik selbst.

Das ist ein schöner, unaufgeregter Anfang – und er stellt sofort klar, worum es an diesem Abend geht: ums Spielen. Erst danach macht Kitty eine kurze, freundliche Ansage. Bei den meisten Konzerten, die wir für dieses Buch anschauen, ist der erste Moment eine Frage der Zuwendung: Wie kommt jemand auf die Bühne, wie holt er sich den Raum? Hier wird der Raum gar nicht geholt, sondern von fünf Leuten geteilt. Und genau das macht diesen Abend zu unserem Ensemble-Fall.

Ein Mikrofon für zwei

Nach dem ersten Song beginnt das, was den Abend prägt: Lewis wechselt vom Piano an die Gitarre, Kitty von der Gitarre zur Mundharmonika. Beide singen abwechselnd – und dann gemeinsam – in ein und dasselbe Mikrofon. Wer auf Bühnenbilder achtet, merkt hier etwas Interessantes. Diese Band kommuniziert untereinander leise und unaufdringlich – hier und da ein Lächeln, sonst wenig. Und trotzdem ist dieser Moment der, in dem Verbundenheit sichtbar wird. Was sie herstellt, ist nicht ein Signal, sondern der geteilte Raum: zwei Menschen an einem Mikrofon, das liest ein Publikum sofort.

Für Ensembles ist das ein brauchbarer Hinweis. Wir schreiben in unserem Buch viel über Blickführung und sichtbares Zuhören als Werkzeuge der Ensemble-Präsenz. Der geteilte Raum könnte ein drittes sein – und es wäre das einfachste von allen.

Und dann steht die Schlagzeugerin vorne

Im nächsten Track kommt Daisy vom Schlagzeug nach vorn und wird Frontsängerin, während Lewis sich hinter die Drums setzt. Daisy bedient nebenbei lässig einen Schellenring, spielt später ein Pianosolo – und setzt zuletzt ein Mouthpercussion-Solo, das Waltraud in ihren Notizen mit einem einzigen Wort quittiert: „mega cool“. Man merkt in dieser Nummer, wie unterschiedlich Präsenz selbst innerhalb einer gleichberechtigten Band verteilt sein kann.

Denn Daisy war schon vorher die Präsenteste – am Schlagzeug, also an der hintersten Position der Bühne. Sie spielt mit einem sichtbaren Ganzkörpereinsatz, mit Energie, mit Offenheit, und der Blick landet einfach immer wieder bei ihr. „Am intensivsten habe ich Daisy erlebt“, notiert Waltraud nach dem Konzert. Das ist ein gutes Argument gegen eine Annahme, die sich hartnäckig hält: dass Wirkung an der Bühnenposition hängt. Sie hängt an Energie und Offenheit. Wer die mitbringt, ist auch hinter einem Schlagzeug vorne.

Das Rondell als Choreografie

Über den Abend wandert alles: die Instrumente, die Homebase, sogar die Moderation – mal sagt Kitty an, mal Daisy, mal Lewis. Ein älterer Herr an der Gitarre und ein junger Kontrabassist halten dabei gelassen den Boden. Führung wird permanent weitergegeben, ohne dass es je verhandelt aussieht. Das ist leicht zu übersehen, aber diese Wechsel sind die eigentliche Choreografie des Abends. Es gibt kaum ein eigenes Bewegungsvokabular und keine Show – aber die Bühne ordnet sich im Lauf des Abends immer wieder neu.

Für Bands ohne feste Frontfigur ist das ein ermutigender Befund: Ein Abend braucht kein Zentrum, um Halt zu haben. Er braucht nur eine Homebase, die jemand hat – und sei es abwechselnd.

Nichts zeigen wollen

Das Auffälligste an diesen Multiinstrumentalist:innen ist, was sie nicht tun. Drei Geschwister, die praktisch jedes Instrument auf dieser Bühne bedienen können, hätten jeden Grund, genau das vorzuführen. Sie tun es kein einziges Mal. „Es hat nichts von etwas zeigen wollen“, hält Waltraud fest, „sondern ist sehr spielerisch im wahrsten Sinne des Wortes – und vor allem wirkt es sehr natürlich.“

Genau das meinen wir in unserem Buch mit dem ersten Teil von Authentizität: keine Pose, kein Beweisen, kein Effekt. Nichts an diesem Abend ist ausgestellt, alles kommt aus dem Zustand. Wer sich das einmal von einer Bühne herunter anschaut, versteht schnell, wie viel Ruhe darin liegt.

Was Musikerinnen und Musiker daraus mitnehmen

Ein Gedanke bleibt nach diesem Abend besonders hängen, und er gilt weit über diese Band hinaus: Ein Rollenwechsel ist ein Präsenz-Moment. Wenn die Schlagzeugerin nach vorne kommt und der Sänger sich hinters Schlagzeug setzt, passiert etwas, das das Publikum erzählt bekommen möchte. Man kann so einen Wechsel beiläufig vollziehen – oder ihn setzen: mit einem Blick, einer Übergabe, einer Atempause, bevor es weitergeht. Beides ist eine Entscheidung, und beides hat seinen Preis. Wer ihn beiläufig lässt, gewinnt Selbstverständlichkeit. Wer ihn setzt, gewinnt einen Moment.

Und der zweite Gedanke: Präsenz lässt sich im Ensemble nicht gleichmäßig verteilen, egal wie gleichberechtigt die Rollen sind. Das ist kein Problem, das man lösen muss. Man kann es auch nutzen – indem man weiß, wer an diesem Abend die Offenheit mitbringt, und ihr Raum gibt.

Am Ende bleibt das Bild von Leuten, die mitten im Konzert die Plätze tauschen, als wäre nichts dabei. Es ist eine ganz eigene Art, eine Bühne zu besitzen: nicht indem einer sie füllt, sondern indem sie alle miteinander teilen.