








Nick Cave & The Bad Seeds auf der Burg Clam (2022) – eine Konzert-Analyse aus dem Präsenz-Blickwinkel
Burg Clam, 5. August 2022, ein warmer Sommerabend in Oberösterreich. Nick Cave & The Bad Seeds waren nach den stillen Duo-Jahren mit Warren Ellis zurück – volle Band, zweieinhalb Stunden, fünfundzwanzig Songs von „Get Ready for Love“ bis „Rings of Saturn“. Wir hatten das seltene Glück, in der Burg zu übernachten, und standen schon am Nachmittag oben, als der Hof noch leer war. Die Frage, die dieser Abend beantwortet: Wie entsteht aus einem Ort mit Gras und Mauern überhaupt ein Konzertort – und was macht ein Sänger daraus?
Bevor der Ort ein Konzertort war
Präsenz beschreiben wir in unserem Buch als Kreislauf zwischen Bühne und Publikum. Aber am Anfang gibt es kein Publikum – nur einen Burghof. Vom VIP-Bereich aus konnten wir zusehen, wie sich die Tore öffneten und die Menschen den Hof Minute für Minute füllten. Das ist eine Perspektive, die kaum ein Konzertbesucher bekommt: Die meisten kommen erst, wenn der Hof sich schon füllt. Wir standen schon oben, als er noch leer war, und sahen ihm beim Vollwerden zu – so, wie es an diesem Ort höchstens Nick Cave selbst hätte tun können, wenn er gewollt hätte. Für Kapitel 4 (Raumwahrnehmung) ist das der seltene Beweis, dass ein Konzertort nicht aus Mauern entsteht, sondern aus Menschen – ein leerer Hof wird erst durch sie dazu.
Adressierung statt Ansprache
Nick Cave gilt als der radikalste Fall dessen, was wir in Kapitel 9 die dritte Ebene der Interaktion nennen: die Adressierung. Er spricht nicht zu einem Publikum, er spricht zu einzelnen Menschen. Auf dieser Tour war das sein Markenzeichen, und so haben wir ihn auch an diesem Abend erlebt: Er strich die Bühnenkante entlang, wandte sich den ersten Reihen zu, sah Einzelne an, nahm ihre Hand und sang sie an, mitten in einem Hof mit Tausenden. Wo andere ein Publikum bespielen, sucht Cave den einen Blick. In der Sprache unseres Buches ist das seine Homebase – so eindeutig nach außen gerichtet, wie José González’ Homebase nach innen gerichtet ist. Zwei entgegengesetzte Pole, beide tragen einen ganzen Abend.
Sich tragen lassen
Der Moment, der über einen solchen Künstler am meisten verrät, ist nicht der lauteste, sondern der verletzlichste: Wir haben gesehen, wie er sich zeitweise von denen tragen ließ, die unter ihm standen – gestützt von ausgestreckten Händen, im Vertrauen darauf, dass Fremde ihn halten. Das ist die reinste Form dessen, was wir meinen: sich dem Publikum nicht aufzudrängen, sondern sich ihm auszuliefern. Vertrauen wird zum Präsenzmittel. Dass die Zugabe an diesem Abend ausgerechnet mit „Into My Arms“ begann, hätte kein Drehbuch besser gesetzt.
Konfrontativ, aber nie feindselig
Kritiken jener Jahre beschreiben Caves Präsenz als „konfrontativ, aber nie bösartig“ – eine wuchtige Kraft, die das Publikum hineinzieht, es entwaffnet und zugleich verstört. Genau das ist der scheinbare Widerspruch, an dem sich Präsenz zeigt: Nähe und Wucht schließen einander nicht aus. Ein Sänger kann bedrängend nah sein und trotzdem nicht bedrohlich – weil die Absicht dahinter Zuwendung ist, nicht Dominanz.
Je näher, desto stärker
Wie sehr das stimmt, hat Waltraud an diesem Abend am eigenen Leib erlebt – als eine Dramaturgie der Nähe. Nick Cave schon aus der Weite zu sehen war kraftvoll, Gänsehaut. Je näher sie der Bühne kam, desto stärker wurde die Magie – undenkbar und doch wahr. Und ganz vorn, front of stage, war es schlicht überwältigend. Diese Intensität mitzuerleben löst etwas aus – und stellt eine Frage, die weit über den Abend hinausreicht: Wie viel ist mir selbst zu viel, als Publikum? Und wie viel Nähe und Kontakt ist für mich als Performerin stimmig? Genau da wird ein Konzert zur Lehrstunde. Präsenz ist kein Maximum, das man anstreben muss, sondern ein Maß, das jede und jeder für sich findet – so viel Intensität und Nähe, wie zur eigenen Person passt.
Sting, drei Jahre später, derselbe Hof
2025 standen wir noch einmal auf der Burg Clam – bei Sting. Derselbe Burghof, zwei Männer ähnlichen Alters, kaum ein größerer Gegensatz: Sting „unprätentiös, ohne Starallüren, ganz bei sich, wenn er spielt“, ein reduziertes Trio, die Energie nach innen. Cave das genaue Gegenteil, ganz nach außen, körperlich, mitten hinein. Derselbe Ort, zwei völlig verschiedene Arten, präsent zu sein.
Und am Morgen war die Burg wieder eine Burg
Am nächsten Morgen war es ganz still. Wir haben sehr früh gefrühstückt, kaum jemand war da – ein Seitengang mit Blick auf die Natur und die liebevollen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Burg, die das Frühstück zubereiteten. Tore auf, der Hof füllt sich, das Konzert – und am nächsten Morgen ist die Burg wieder nur eine Burg. Wir haben denselben Ort in allen drei Zuständen gesehen: leer, voll, wieder leer. Und aufgefallen sind uns – wie schon bei The Cure die zuvorkommenden Securitys – nicht die auf der Bühne, sondern die Menschen am Rand.
Was Musikerinnen und Musiker daraus mitnehmen
Manchmal ist die größte Präsenz die, die Kontrolle abgibt. Cave führt sein Publikum nicht nur – er liefert sich ihm aus, legt sein Gewicht in fremde Hände. Wer das wagt, bekommt eine Aufmerksamkeit, die man nicht erzwingen kann. Und ein zweiter, leiser Gedanke aus diesem Abend: Ein Ort wird erst zum Konzert, wenn Menschen da sind. Wer auf eine Bühne geht, betritt keine fertige Kulisse, sondern vollendet sie.
Vielleicht zeigt sich die stärkste Präsenz nicht im Auftreten, sondern im Sich-fallen-Lassen.
