Nach einem Auftritt hört man oft zwei Arten von Rückmeldung. Die eine: „Toll, das war richtig gut!“ Die andere: „In der zweiten Strophe sind deine Schultern hochgegangen, und dein Blick hatte kein Ziel mehr.“ Beide sind freundlich gemeint. Aber nur mit einer davon können Sie morgen in der Probe etwas anfangen.

Lob ist nicht Feedback

Lob und Kritik sind im Kern dasselbe: eine Bewertung. „Gut“ oder „schlecht“, „hat mir gefallen“ oder eben nicht. Bewertungen fühlen sich stark an – sie wärmen oder sie treffen. Aber sie sagen Ihnen nicht, was genau passiert ist und was Sie ändern können. „Das war wunderbar“ ist schön zu hören und wichtig für die Motivation; als Werkzeug zum Besserwerden taugt es wenig.

Feedback macht etwas anderes: Es beschreibt, statt zu urteilen. Es benennt, was tatsächlich zu sehen und zu hören war – nicht, ob es gut oder schlecht war.

Lob wärmt. Feedback bringt weiter. Verwechseln Sie die beiden nicht.

Feedback geben: nur, was eine Kamera sehen und ein Mikrofon hören würde

In unserer Arbeit gilt eine einfache Regel, die alles verändert: Wir beschreiben nur, was eine Kamera sehen und ein Mikrofon hören würde. Das klingt unspektakulär, ist aber der ganze Kern. Denn Wirkung auf der Bühne ist nichts Geheimnisvolles – sie ist beobachtbar. Haltung, Schultern, Stand, Atem, Blick, Stimme: All das lässt sich sehen und hören. Wir müssen niemandem glauben, was er fühlt. Wir sehen, ob es passiert.

Deshalb beginnt gutes Feedback nicht mit einem Urteil wie „Ich habe es dir nicht geglaubt“, sondern mit einer Beobachtung: „Dein Körper erzählt etwas anderes als deine Absicht.“ Der erste Satz wertet die Person. Der zweite zeigt auf etwas Konkretes – und genau daran kann man arbeiten.

Dahinter steht eine entlastende Einsicht: Schwache Stellen sind selten einfach „falsch“. Sie sind nur auf der falschen Ebene gelöst. Wer Feedback gibt, bewertet deshalb nicht, sondern zeigt auf die Ebene:

  • Körper – Was war sichtbar? Etwa: „Die Brust war eingesunken“, „die Schultern sind hochgegangen“, „der Stand war unruhig.“
  • Inneres Bild – Gab es eine innere Situation, einen Ort, ein Gegenüber? Oder blieb der Blick leer?
  • Absicht – Hatte der Blick ein Ziel? Ging die Energie nach außen, oder sind die Phrasen einfach verklungen?

So wird aus „war irgendwie nicht überzeugend“ ein präziser Hinweis. Und weil er beschreibend ist, klingt er nicht wie ein Urteil über den Menschen, sondern wie eine Beobachtung über einen Moment. Das ist auch der Grund, warum gut gegebenes Feedback selten verletzt: Es zeigt einen Weg, statt ein Urteil zu fällen.

Die Kamera als ehrlichster Spiegel

Das größte Problem bei der eigenen Wirkung ist ein einfaches: Wir sehen uns selbst nicht. Was sich von innen groß und ausdrucksvoll anfühlt, kann von außen winzig wirken – und umgekehrt. Genau deshalb ist die Videoaufnahme das wirkungsvollste Feedback-Werkzeug überhaupt. Nicht als Selbstkritik-Instrument, sondern als neutraler Spiegel: Eine Aufnahme zeigt, was das Publikum sieht – unabhängig davon, was man dabei gefühlt hat.

Nehmen Sie eine Probe oder einen Auftritt einmal in der Totale auf und schauen Sie zweimal hin: einmal ohne Ton, nur auf den Körper, einmal mit Ton. Die Kamera urteilt nicht. Sie beschreibt – genau das, was gutes Feedback auch tut.

Wie unangenehm das am Anfang ist, wissen wir aus eigener Erfahrung. Waltraud wurde schon als Kind und Jugendliche bei jedem Auftritt gefilmt – und sich diese Aufnahmen anzusehen, fiel ihr alles andere als leicht. Fast jeder findet sich auf den ersten Blick schrecklich. Heute sieht sie das gelassen: Genau dieses Hinschauen war einer der wichtigsten Lerneffekte ihrer Entwicklung.

Damit ist sie nicht allein: Auch Bernd fällt es bis heute schwer, sich seine eigenen Auftritte auf Video anzusehen. Genau das ist normal – und es legt sich, je öfter man hinschaut.

Deshalb wird in unseren Workshops jeder Auftritt der Teilnehmerinnen und Teilnehmer gefilmt – und die Aufnahme ausschließlich der jeweiligen Person zur Verfügung gestellt. Niemand muss sich vor anderen sehen; jede und jeder bekommt den eigenen, ehrlichen Spiegel in die Hand.

Feedback nehmen: das Ohr öffnen

Annehmen ist die schwierigere Hälfte – besonders, wenn man die erste Kritik schnell als Urteil über die eigene Person hört. Der entscheidende Schritt ist derselbe wie beim Geben, nur von der anderen Seite: Trennen Sie die Beschreibung von der Bewertung Ihrer Person. „Deine Schultern waren oben“ ist eine Information über einen Moment – kein Satz über Ihren Wert.

  • Nachfragen statt rechtfertigen. „Woran genau hast du das gemerkt?“ bringt mehr als jede Verteidigung.
  • Als Material behandeln, nicht als Schlussurteil. Feedback ist etwas zum Arbeiten, kein Endpunkt.
  • Die richtige Person wählen. Holen Sie Rückmeldung bei einer Vertrauensperson, die beschreiben kann, statt nur zu bewerten.

Und das Lob? Machen Sie es brauchbar

Lob ist nicht überflüssig – es trägt durch schwere Tage. Sie können es sogar in Feedback verwandeln, indem Sie nachfragen: „Was genau hat dich berührt?“ oder „An welcher Stelle war das für dich am stärksten?“ Aus einem warmen „war super“ wird so eine konkrete Beobachtung – und damit etwas, das Sie gezielt wiederholen können.

Sammeln Sie solche konkreten Rückmeldungen sogar bewusst: Was schätzen andere an Ihnen auf der Bühne? Diese Beobachtungen sind eine Ressource – an schwachen Tagen sind sie mehr wert als jedes allgemeine Kompliment.

Gutes Feedback urteilt nicht. Es zeigt – und macht den nächsten Schritt sichtbar.

Weiterlesen: Blogbeitrag „Dranbleiben – warum die meisten zu früh aufgeben“.