Am 2. März 2026 wurde die Wiener Staatsoper laut Der Opernfreund „zum Schlachtfeld“. Der Weltstar Anna Netrebko musste ihre Abigaille in Verdis „Nabucco“ aus gesundheitlichen Gründen kurzfristig absagen. Für die enorm anspruchsvolle Partie sprang die tschechische Sopranistin Eliška Weissová ein – herbeigeordert aus Prag, in buchstäblich letzter Minute. Ein Teil des Publikums quittierte das mit Unmut: Mehrfach, so berichten Augen- und Ohrenzeugen, gellten Buhrufe durch den Saal, sogar mitten in ihre Arie im zweiten Akt hinein.

Man kann über vieles an diesem Abend streiten – über die späte Ankündigung der Umbesetzung, über die Härte eines Publikums, das seinen Ärger an der falschen Person auslässt. Denn die Einspringerin ist die Retterin des Abends, nicht die Ursache der Absage. Doch für uns ist ein anderer Moment der eigentliche Lehrstoff: Wie geht man damit um, wenn einem auf offener Bühne der Wind ins Gesicht bläst?

Nicht ob – sondern wie

In unserem Buch steht ein Satz, der jeden Störfall entschärft: Das Entscheidende ist nicht, dass Störungen nicht passieren – sondern dass man weiß, wie man damit umgeht. Technik fällt aus, der Text ist weg, das Publikum wird unruhig, jemand ruft dazwischen. Das gehört zum Bühnenleben. Die Frage ist nie, ob so etwas kommt, sondern was man in genau diesem Moment tut.

Und genau hier hat Eliška Weissová vorgemacht, worum es geht. Die Kritikerin Renate Wagner schreibt im Opernfreund: Die Sängerin habe „bewundernswert Nerven“ bewiesen – sie sei „nicht weinend von der Bühne“ gegangen, „sondern hielt durch“. Sie ist geblieben. Unter Buhrufen, unter Zeitdruck, in einer Partie, die selbst in bester Verfassung eine Herausforderung ist. Das ist keine Frage der Tagesform mehr, sondern der Haltung. Und Haltung ist erlernbar.

Nicht ob eine Störung kommt, entscheidet – sondern was jemand im nächsten Atemzug tut.

Drei Schritte bei jedem Störfall

In unseren Workshops arbeiten wir bei jeder Panne mit derselben, einfachen Reihenfolge. Sie funktioniert beim Blackout genauso wie beim Buhruf:

  • Körper organisieren. Zuerst der Stand, der Atem, die Schultern. Stabilität vor Bedeutung. Der Körper ist das Einzige, was sich im Schockmoment sofort steuern lässt.
  • Bedeutung neu setzen. Was sage ich mir gerade? Gibt es einen nützlicheren Satz? Aus „Sie mögen mich nicht“ wird „Ich bin hier, um das zu Ende zu bringen.“
  • Kontakt wieder aufnehmen. Blick heben, Energie nach außen, Verbindung wiederherstellen. Präsenz ist ein Kreislauf – er darf nie ganz abreißen.

Der Sonderfall Buhruf: Führung übernehmen, nicht rechtfertigen

Zwischenrufe und Buhrufe sind ein direkter Angriff auf die Beziehung zwischen Bühne und Publikum – Kampf, Flucht oder Erstarren liegen dann nah. Unser Werkzeug dagegen ist bewusst schlicht: Stand stabilisieren, Schultern sinken lassen, ruhig einatmen. Und dann eine von zwei klaren Entscheidungen – nicht dazwischen zappeln:

  • Ignorieren und weiterspielen. Die Musik läuft weiter, der Fokus bleibt bei der Arbeit. Ein Störer, der keine Reaktion bekommt, verliert an Kraft.
  • Ruhig adressieren. Ein einziger, gelassener Satz genügt: „Ich höre euch – wir machen weiter.“ Kein Wort mehr.

Der entscheidende Punkt dahinter: Führung übernehmen – nicht rechtfertigen. Wer sich rechtfertigt, gibt dem Störer die Regie über den Abend. Wer ruhig weitermacht, behält sie. Genau das hat Weissová getan, als sie durch die Rolle „segelte“, statt die Bühne zu verlassen.

Fünf Störfälle, Fünf Antworten

Ein Buhruf ist der spektakulärste Störfall – aber bei Weitem nicht der häufigste. In unseren eigenen Konzert-Analysen sind uns vier sehr unterschiedliche Situationen begegnet. Zusammen zeigen sie: Es gibt nicht die eine richtige Reaktion. Es gibt mehrere, und sie hängen davon ab, ob das Publikum die Störung überhaupt mitbekommt – und ob sich weiterspielen lässt.

Die Wespe: einfach weitermachen

Beim Poolbar Festival flog eine Zeit lang eine Wespe direkt um Joss Stone herum. Sie performte weiter – kein Wedeln, kein Stocken, keine Irritation. Nur die ersten Reihen bekamen überhaupt etwas mit; von weiter hinten war nichts davon zu merken. Das ist der Regelfall, den man am ehesten üben kann: Wenn die Störung klein ist und niemand sie bemerkt, macht das Nichtreagieren sie unsichtbar. Wer dagegen wedelt, macht aus einem Insekt ein Ereignis.

Die angeschlagene Stimme: benennen statt kaschieren

Anders liegt der Fall, wenn die Störung nicht zu verbergen ist. Raye war in Zürich stimmlich angeschlagen – und versteckte es nicht. Sie sprach es an, sagte sinngemäß, sie würde gern kräftiger singen, und nannte sich augenzwinkernd in ihrer „Drama-Ära“. Normalerweise raten wir in unseren Workshops davon ab, sich für die eigene Leistung zu entschuldigen: Meist lenkt es die Aufmerksamkeit erst auf einen Mangel, den sonst niemand bemerkt hätte. Hier war es umgekehrt. Der Zustand war ohnehin hörbar, und das offene Wort nahm dem Abend die Verlegenheit, statt sie zu erzeugen. Die Faustregel dahinter: Was das Publikum ohnehin merkt, darf benannt werden – einmal, kurz, ohne Jammern. Was niemand merkt, bleibt unerwähnt.

Die Technik: mit Humor auflösen

Justin Bieber saß bei Coachella an einem Laptop und sang zu seinen eigenen alten Videos – und als das Internet ruckelte, reagierte er mit Humor. Aus einer Panne wurde ein gemeinsamer Moment mit hunderttausend Menschen. Humor ist das eleganteste Werkzeug im Störfall, weil er die Führung behält, ohne den Zwischenfall zu leugnen. Er hat allerdings eine Bedingung: Er muss echt sein. Ein einstudierter Gag im falschen Moment wirkt kälter als jedes Schweigen.

Die Umstände: annehmen, was man nicht ändern kann

Der vierte Fall ist der unauffälligste und der häufigste: Nicht etwas geht kaputt, sondern die Bedingungen sind einfach ungünstig. Marianne Beaulieu eröffnete beim Poolbar Festival bei brütender Hitze, tief stehender Sonne und noch dünnem Publikum – der undankbarste Slot überhaupt. Sie hat ihn nicht gegen sich arbeiten lassen, sondern ihren leisen Ton beibehalten und über Erzählen und Ehrlichkeit Nähe hergestellt. Das ist die stillste Form von Störfall-Souveränität: nicht lauter werden, um gegen die Umstände anzukommen, sondern bei dem bleiben, was man kann.

Der Stromschlag: abstellen statt bespielen

Der fünfte Fall ist der, der sich der Regel entzieht. Beim Poolbar Festival bekam Pete Doherty von Babyshambles einen elektrischen Schlag vom Mikrofon. Er zeigte es an, das Mikrofon wurde getauscht, das Konzert lief weiter. Kein Drama, keine Nummer daraus.

Das klingt unspektakulär, ist aber die wichtigste Abgrenzung des ganzen Themas. Die vier Beispiele davor lassen sich alle in den Auftritt hineinnehmen – man spielt weiter, man benennt, man macht einen Witz, man nimmt die Bedingungen an. Ein Mikrofon, das Strom führt, lässt sich nicht hineinnehmen. Es gehört abgestellt.

Die Grenze verläuft dort, wo Weiterspielen nicht mehr geht oder gefährlich wird. Dann ist die souveräne Reaktion nicht die kreative, sondern die sachliche: anzeigen, beheben lassen, weitermachen. Ohne Entschuldigung, ohne Erklärung, ohne daraus eine Geschichte zu machen. Wer eine defekte Technik bespielt, statt sie abstellen zu lassen, verwechselt Souveränität mit Show.

Was die fünf gemeinsam haben

So verschieden die Reaktionen sind – ignorieren, benennen, mit Humor nehmen, annehmen, abstellen –, sie folgen alle derselben Logik. Keine dieser Personen hat sich gerechtfertigt, und keine hat den Abend um den Störfall herum neu gebaut. Sie haben entschieden und sind bei ihrer Sache geblieben. Die Frage ist also nie „Was ist passiert?“, sondern „Wie viel Raum gebe ich dem?“

Man kann es üben

Das Beste daran: Souveränität im Störfall ist kein Charakterzug, den die einen haben und die anderen nicht. Sie ist trainierbar – im geschützten Rahmen der Probe. Stellen Sie sich vor, jemand ruft „Lauter!“ oder „Was ist das?“. Ihre Reaktion: Schultern sinken lassen, Stand stabil halten, innerlich ein ruhiger Satz – „Ich hör euch, wir machen weiter“ – und den Song fortsetzen. Wiederholen Sie das mit verschiedenen Stressformen, bis die Diagnose automatisch läuft: Füße, Atem, Blick. Dann steht sie Ihnen zur Verfügung, wenn es ernst wird.

Ein ausgebuhter Abend ist bitter. Aber er zeigt auch, worauf es auf der Bühne wirklich ankommt: nicht auf die perfekte Vorstellung, sondern auf die Fähigkeit, in einem feindseligen Moment ruhig, aufrecht und präsent zu bleiben. Wer das kann, hat schon gewonnen – auch wenn nicht jede Note sitzt.

Wer sich rechtfertigt, gibt die Regie ab. Wer ruhig weitermacht, behält sie.

Weiterlesen: Wie man mit Rückschlägen und Kritik grundsätzlich umgeht, steht in „Dranbleiben: Warum die meisten zu früh aufgeben“. Die fünf Beispiele oben stammen aus unseren Konzert-Analysen: „Als hätte sie nur dich gemeint“ (Joss Stone), „Reden, bis die Halle zum Wohnzimmer wird“ (Raye), „Ein Mann, ein Mikrofon, ein Laptop“ (Justin Bieber), „Jeder Song eine Geschichte“ (Marianne Beaulieu) und „Er musste nicht ankommen – er war schon da„.

Quellen

Der Standard: „Publikumseklat an der Staatsoper: Buhrufe für Netrebko-Einspringerin“ – https://www.derstandard.at/story/3000000310988/publikums-eklat-an-der-staatsoper-buhrufe-fuer-netrebko-einspringerin

Der Standard: „Buhrufe: Staatsoper meint, bei Netrebko-Absage richtig gehandelt zu haben“ – https://www.derstandard.at/story/3000000311260/buhrufe-staatsoper-habe-bei-netrebko-absage-richtig-gehandelt

Der Opernfreund: „Wien: ‚Nabucco‘, Giuseppe Verdi“ (Renate Wagner, 3. März 2026) – https://deropernfreund.de/wiener-staatsoper/wien-nabucco-giuseppe-verdi/